Allein gegen die Mafia

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Ebenerdige Wohnungen, so wie die unsere haben einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil, man muss keine Stiegen steigen. Der Nachteil, auch die Ameisen müssen keine Stiegen steigen. 

Jeden Morgen überschreitet also eine Armee von Ameisen unsere Türschwelle, kriecht die Küchenwand hinauf, bis sie den Brotkorb erreicht hat, und verteilt sich über die Abwaschbecken. Von diesen Ausgangspositionen beginnt ein nimmermüdes Kommen und Gehen, das den ganzen Tag lang anhält, zweifellos nach einem wohl durchdachten System, von dem wir aber nichts weiter zu sehen bekommen als die Ameisen. 

Und heuer ist ein besonders ameisenreicher Sommer. Nur ein paar von ihnen zu erschlagen, hilft nichts, entschied die beste Ehefrau von allen. Man muss das Nest aufspüren. Wir verfolgten die Prozession in entgegengesetzter Richtung. Sie führte in den Garten, verschwand kurz unterm Gesträuch, kam wieder an die Oberfläche und verlief im Zickzack nach Norden. An der Stadtgrenze hielten wir inne. Sie kommen von auswärts. Schwer atmend drehte sich meine Frau um. Aber wie haben sie den Weg in unser Haus gefunden? Solche Fragen kann natürlich nur die Ameisenkönigin beantworten. Die arbeitenden Massen vertrauen ihren Gewerkschaftsführern, erfüllen ihr Arbeitspensum und schleppen ab, was abzuschleppen ist. 

Nach einigen Tagen sorgfältiger Beobachtung kaufte meine Frau ein in der Fernsehwerbung empfohlenes Ameisenpulver und bestreute das Aufmarschterrain von der Hausschwelle bis zur Küche und weiter hinauf mit dem tödlichen Gift. Am nächsten Morgen kamen die Ameisen nur langsam vorwärts, weil sie die vielen kleinen Pulverhügel übersteigen mussten. Eine andere Wirkung zeigte sich nicht. Als nächstes setzten wir eine Insektenspritze ein. Die Vorhut fiel, die Hauptstreitkräfte marschierten weiter. "Sie sind sehr widerstandsfähig, das muss man ihnen lassen", stellte meine psychologisch geschulte Gattin fest und wusch die ganze Küche mit Karbol. Zwei Tage lang blieben die Ameisen weg. Wir auch. Danach kehrten die Ameisenregimenter in voller Stärke zurück und legten noch größeren Eifer an den Tag als zuvor. Unter anderem entdeckten sie den Hustensirup. Sie haben nie wieder gehustet. 

Die beste Ehefrau von allen distanzierte sich von ihren moralischen Grundsätzen und begann, die Ameisen einzeln zu töten, Tausende an jedem Morgen. "Es kommen immer neue", seufzte sie. "Eine unerschöpfliche Masse. Wie die Chinesen." 

Irgendjemand gab ihr einen Tipp (nicht die ÖGA, Anm.): Am nächsten Tag war unsere Küche mit Gurken gepflastert, aber die Ameisen hatten die Neuigkeit offenbar nicht gehört und nahmen ihren Weg nach kurzem Schnuppern zwischen den Gurken hindurch. Einige kicherten sogar. Wir riefen das Gesundheitsamt an und baten um Rat: "Was tut man, um Ameisen loszuwerden?" "Das möchte ich selbst gerne wissen", antwortete der Beamte. "Auch in meiner Küche wimmelt es seit Tagen von Ameisen". 

Nach ein paar weiteren, kläglich gescheiterten Versuchen entschlossen wir uns, den ungleichen Kampf aufzugeben. Während wir frühstücken, zieht die Ameisenprozession an uns vorbei und nimmt die gewohnten Stellungen ein, ohne uns weiter zu stören. Wir brauchen uns nicht darum zu kümmern, ob alles in Ordnung ist. Es ist alles in Ordnung. Die Ameisen gehören zum Haus. Sie kennen uns bereits und behandeln uns mit reservierter Höflichkeit, wie es unter Gegnern, die gelernt haben, einander zu respektieren, üblich ist. Es ist ein nachahmenswertes Beispiel friedlicher Koexistenz.