|
Aktualisiert: |
Als Gott der Herr den Himmel und die Erde schuf, achtete er darauf, dass ein jegliches Geschöpf wider die Unbill der gewaltsamen Natur geschützt sei. Dem Löwen gab er die Stärke, dem Reh die schnellen Beine, der Schildkröte den Panzer. Nur ein einziges seiner Geschöpfe hat er vergessen: mich
Meine obige Klage bezieht sich unverkennbar auf die Regierung und die von ihr beanteten. Das Gefühl der unrettbaren Hilflosigkeit, das mich vor amtlichen Schaltern, Pulten, Schiebefenstern und dergleichen überkommt, ist nicht zu schildern, nicht einmal von mir.
Wann immer ich einem verkörperter staatlicher Autorität gegenüberstehe, werde ich von wilden Zweifeln an meiner Existenz gepackt und reduziere mich auf den Status eines geistig zurückgebliebenen Kindes, das nicht nur kurzsichtig ist, sondern auch noch stottert.
Eines Tages jedoch...
Eines Tages betrat ich das Postamt, um ein Paket abzuholen. Der Beamte saß hinter den Gitterstäben seines Schalters und spitzte Bleistifte. Es gibt, wie man weiß, viele Arten, Bleistifte zu spitzen: mit einem der eigens dafür hergestellten Bleistiftspitzer oder mit einer durch Handkurbel betriebenen Spitzmaschinen, die man an der Wand befestigen kann, oder mit einer Rasierklinge.
Der Beamte, vor dem ich stand, verwendete ein Renaissancetaschenmesser, dessen eigentliche Bestimmung irgendwann einmal das edle
Schnitzhandwerk gewesen sein muss. Er leistete harte Arbeit. Jedes Mal, wenn er einen festen Ansatzpunkt für die Klinge gefunden hatte, rutschte sie ab. Wenn sie ausnahmsweise einmal nicht abrutschte,
riss sie große Keile Holz aus dem Bleistift. Manchmal nahm sie auch etwas Mine mit.
Lange Zeit sah ich ihm still und aufmerksam zu. Ich ließ meine stürmische Jugend vor meinem geistigen Auge Revue passieren, erwog und entschied einige brennende politische Probleme, dachte auch über Fragen des Haushalts nach und erinnerte mich bei dieser Gelegenheit,
dass der undichte Wasserhahn in unserem Badezimmer noch immer nicht repariert war.
Da ich ein pedantischer Mensch bin, zog ich Notizbuch und Bleistift hervor und notierte das Stichwort
"Installateur", mit einem Ausrufezeichen dahinter.
Und dann geschah es.
Der bleistiftspitzende Beamte hörte mit den Bleistiftspitzen auf und fragte:
"Darf ich fragen, was Sie da aufgeschrieben haben?" Er fragte keineswegs hämisch, sondern höflich.
"Ich habe mir eine Notiz gemacht", antwortete ich tapfer. "Darf man das nicht?"
Der gesamte Bleistiftvorrat des Beamten verschwand mit einem Hui in seiner Lade. Er selbst, der Beamte, setzte ein Lächeln auf, das mir nicht ganz frei von einer leisen Nervosität schien:
"Entschuldigen sie bitte, dass ich nicht sofort zu Ihrer Verfügung war. Was kann ich für sie tun?"
Er wurde immer höflicher, erledigte mein Anliegen auf die liebenswürdigste Weise, entschuldigte sich nachmals,
dass er mich hatte warten lassen, und bat mich, meiner Gemahlin seine besten Empfehlungen zu überbringen.
Und das alles, weil ich - offenbar im richtigen Augenblick und mit dem richtigen Gesichtsausdruck - etwas in mein Notizbuch geschrieben hatte.
Kein Zweifel: ich war einer der umwälzendsten Entdeckungen des Jahrhunderts auf die Spur gekommen. Ein zweckmäßig verwendetes Notizbuch wirkt Wunder. Die Menschen im allgemeinen, und die vom Staat beamteten erst recht, stehen, allem Geschriebenen, dessen Inhalt sie nicht kennen, mit
Missbehagen und Angstgefühlen gegenüber. "Verba volant, scripta manent", das wussten
schon die alten Römer. Gesprochenes verfliegt, Geschriebenes bleibt.
Seit damals machte ich Notizen, wann immer ich die Gelegenheit für gekommen erachte. Vor einigen Tagen ging ich in ein Schuhgeschäft und wurde bis Einbruch der Dämmerung nicht bedient. Ich zückte das Notizbuch, zückte meinen Bleistift, zählte bis zehn und trug eine Sentenz in das Büchlein ein, die sich mir aus Toussaint-Langenscheidts Übungsbuch der französischen Sprache
unvergesslich eingeprägt hat: "Das Loch in der Tasche meines Bruders ist größer als der Garten meines Oheims."
Es wirkte. Der Ladeninhaber hatte mich gesehen und näherte sich ebenso bleich wie devot, um mich zu bedienen. Nicht einmal Polizisten vermögen den geheimen Kräften meines Zauberbuchs zu widerstehen. Alltäglich, wenn die Stunde der Strafzettelverteilung an parkenden Autos kommt, lauere ich im Hintergrund, trete im geeigneten Augenblick hervor und trage mit meiner Füllfeder (niemals einen Kugelschreiber benützen!) aufs Geratewohl ein paar Worte in mein Büchlein ein.
Schon schmilzt das Auge des Gesetzes, schon entkrampft sich seine offizielle Haltung, er schimpft nicht, er schreit nicht, er flötet:
"Also gut, noch dieses eine Mal..."
Denn auch er fürchtet die Macht der Feder. Auch er beugt sich vor dem, was da geschrieben steht.
Schließlich sind wir das Volk des Buches, nicht wahr?