Unfair zu Goliath

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Ein beschämender Abschnitt in der Geschichte Israels liegt hinter uns. Es wird Zeit, ihn einer nüchternen Analyse zu unterziehen.
Der Ablauf der Ereignisse darf als bekannt vorausgesetzt werde: Nach längerem Manövrieren auf beiden Seiten hatten die Philister in Sichtweite der israelischen Armee, bei Sochon, Stellung bezogen und bemühten sich, die von den Israelis künstlich gesteigerte Spannung in erträglichen Grenzen zu halten. Auf dem Höhepunkt der Krise begab sich der philistische Oberstabswachtmeister Goliath in das Niemandsland zwischen den beiden Lagern, wo er - wir zitieren einen absolut zuverlässigen Bericht - "seine Stimme erhob", um größeren Kampfhandlungen und unnötigem Blutvergießen vorzubeugen. 
Ein Angehöriger der israelischen Streitkräfte namens David, ein bekannter Großwildjäger, reagierte darauf mit einem Überraschungsangriff gegen Goliath, den er brutal zu Fall brachte und abschlachtete. Soweit die Tatsachen.
Rein militärisch betrachtet, kann der israelischen Aktion eine gewisse Qualität nicht abgesprochen werden. Vom moralischen Standpunkt jedoch fühlen wir uns verpflichtet, das Vorgehen Davids und seiner Auftraggeber gründlich zu durchleuchten und eine an Geschichtsfälschung grenzende Legende im Keim zu ersticken. Dabei leiten uns keinerlei Hassgefühle gegen das Volk Israels. Im Gegenteil möchten wir dem ohnehin zweifelhaften Ruf dieses ewig rastlosen Stammes eine neue, schwere Belastung ersparen.
Wir sind durchaus nicht der Meinung, dass der Begriff des soldatischen Kampfes ein völliges Gleichgewicht in der beiderseitigen Bewaffnung und der beiderseitigen Schlagkraft voraussetzt. Aber die elementaren Grundsätze der Fairness verlangen eine zumindest annähernde Gleichartigkeit der am Kampf Beteiligten. Wir bedauern, feststellen zu müssen, dass in der Auseinandersetzung zwischen David und Goliath eine solche Balance nicht gegeben war. Vielmehr lagen von Anfang an alle Vorteile auf Seiten Davids.
Das zeigte sich bereits an der Ausrüstung. Oberstabswachtmeister Goliath - wir stützen uns abermals auf den oben erwähnten Gewährsmann - "hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupte, und einen schuppichten Panzer an, und das Gewicht seines Panzers war fünftausend Sekel Erzes; und hatte eherne Beinharnische an seinen Schenkeln, und einen ehernen Schild auf seinen Schultern".
Das heißt, dass er etwa 60 bis 70 kg zu schleppen hatte. Demgegenüber war David, wie man weiß, lediglich mit einer Hirtentasche und einer Schleuder bewaffnet, was ihm den unschätzbaren Vorteil der leichteren Beweglichkeit sicherte. Hinzu kam, dass der philistinische Ostwam "sechs Ellen und eine Handbreit hoch" war - eine geradezu riesenhafte Körpergröße (fast 4 m!), die ihn dem kleinen, untersetzten Israeli gegenüber noch weiter benachteiligte. Bedenkt man schließlich den taktischen Effekt des Überraschungsangriffs, der sich gleichfalls zuungunsten Goliaths auswirken musste, so darf man ruhig behaupten, dass der ungleiche Kampf im voraus entschieden war.
Die Frage, wer ihn begonnen hat, wird die Experten noch lange beschäftigen. Genaue Nachforschungen haben ergeben, dass während der 40 Tage, die dem Ausbruch der Feindseligkeit vorangingen, keinerlei Truppenbewegungen stattfanden und dass sich zum Schluss sogar Anzeichen einer Entspannung bemerkbar machten, die eine Lösung auf diplomatischem Weg möglich erscheinen ließ. Warum diese Möglichkeit scheiterte, lässt sich ohne besondere Mühe der schon mehrfach zitierten Quelle entnehmen: Goliath "trat hervor und ging einher", während David, der gleichen Quelle zufolge, "eilte und lief vom Zeuge gegen den Philister". Damit dürften die letzten Zweifel beseitigt sein, wer im vorliegenden Fall als Agressor zu bezeichnen ist.
Indessen soll auch die menschliche Seite des Vorfalls nicht zu kurz kommen. Das Wort hat der junge Schildträger Goliaths, der sich im Militärspital nur langsam von den Folgen des erlittenen Schocks erholt:
"Oberstabswachtmeister Goliath griff niemals als erster an", sagte uns der junge Kriegsversehrte, wobei der mühsam Haltung annahm. "Er war ein grundgütiger Mensch, voll Lebensfreude und Humor. Manche Leute hielten ihn auf Grund seiner äußeren Erscheinung für einen bärbeißigen Krieger, aber die raue Schale verbarg einen weichen Kern. Er liebte Musik, versuchte sich an der Harfe und stimmte am Lagerfeuer gern ein kleines Liedchen an, wie etwa >Ich hab' nicht Vater noch Mutter, ihr Juden, habt Mitleid mit mir...< 
Der Oberstabswachtmeister war nämlich als Waise aufgewachsen und hatte schon damals unter seinen ungewöhnlichen Körpermaßen zu leiden. Nichts lag ihm ferner als Raufhändel, nichts hasste er so sehr wie den Krieg. Sicherlich wollte er diesem Hebräerjüngel eine Kompromißlösung vorschlagen, die für beide Teile annehmbar gewesen wäre. Und seine abfälligen Bemerkungen über den Gott der Hebräer waren wirklich nicht böse gemeint. Das sagt man so, ohne sich viel dabei zu denken. Mein guter Ostwam dachte nur an sein Heim und seine Familie. Er wollte in Ruhe seinen Acker bestellen, nichts weiter. Ich werde es nie verwinden, dass er seinen Lieben auf so hinterhältige Weise entrissen wurde."
Zu diesem Bild des biederen, friedfertigen Landbewohners, wie es hier aus der Schilderung eines unmittelbar Beteiligten ersteht, lässt sich wohl kaum ein peinlicherer Gegensatz denken als die wendige Figur seines gefinkelten, mit allen städtischen Salben geschmierten Gegners, dessen berechnende Wesensart schon daraus hervorgeht, dass er lang vor dem Kampf Erkundigungen einzog, welcher Lohn denjenigen erwarte, "der diesen Philister erschlägt und wendet die Schande von Israel".
Erst nachdem er sich zahlreicher materieller Vergünstigungen aus der kgl. Saulschen Privatschatulle versichert hatte, war er bereit, in den Kampf zu ziehen - bei dem er sich (was nicht einmal von israelischer Seite geleugnet wird) einer unkonventionellen, außerhalb aller internationalen Abkommen stehenden Waffengattung bediente.
Daß er diese Waffen, eine Art steinerner Dumdumgeschosse, planmäßig und zielbewußt aus den israelischen Wasserläufen gewonnen hatte, also schon seit geraumer Zeit heimliche Kriegsvorbereitungen betrieb, bedarf keines weiteren Nachweises und erhärtet die von neutralen Beobachtern aufgestellte Aggressionsthese. Wenn man seine provokatorischen Auslassungen vor Beginn des Kampfes genauer auf ihren Inhalt prüft, erwartete er im Bedarfsfall sogar Hilfe von oben. Man weiß, was das bedeutet.

Der Kampf als solcher hat, wie wir schon sagten, der Geschichte Israels kein Ruhmesblatt hinzugefügt. Nach übereinstimmenden Augezeugenberichten muss die Kampfweise Davids geradezu barbarisch genannt werden. Keiner, der dabei war, wird je vergessen, wie dieser entfesselte Hysteriker auf seinen unbeweglichen Gegner losstürzte und unbarmherzig auf den schon Gestrauchelten einschlug, während seine vorsichtig im Hintergrund verbliebenen Kohnnationalen ein ohrenbetäubendes Triumphgeheul anstimmten. Es war einfach widerlich.
Ostwam Goliath gehört für alle Zeiten zu den tragischen Heldengestalten der Kriegsgeschichte. In seiner rührenden Naivität hatte er geglaubt, dass die Stunde der Befreiung für das besetzte Palästina gekommen wäre. Er fiel für die Freiheit der Philister, er fiel im Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, dem er sich arglos gestellt hatte. Seiner hart geprüften Witwe wendet sich die allgemeine Anteilnahme zu. Zum Abschluss geben wir ein Gespräch wieder, das wir mit Frau Franziska Goliath im Kreise ihrer vierzehn Kinder führen durften:
"Ich habe keinen Mann und meine Kinder haben keinen Vater mehr", sagte sie schlicht. "Das Leben wird schwer für uns sein. Was wir besaßen, ist uns von der plündernden Soldateska Israels geraubt worden. Nein, ich will nicht weinen. Aber wenn diese armen Waisenkinder mich immer wieder fragen: "Wo ist Papi Goliath? Kommt er bald zurück? Hat er schon alle Juden erschlagen?" - dann bricht mir das Herz. Und die Welt schaut zu, ohne etwas zu tun..."
Wir senkten ergriffen den Kopf vor dieser Frau und Mutter, die einem unverschuldeten Schicksal tapfer die Stirn bietet. Das Rad der Geschichte ist über das kleine Volk der Philister hinweggerollt. David hat gesiegt. Es war ein Sieg der rohen Kraft über den Geist des Friedens. Goliath - das wird kein wahrheitsliebender Mensch noch länger bezweifeln - wurde das Opfer einer schamlosen Agression