Wem die Teller schlagen

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Gleichgültig, ob es eine erfolgreiche oder eine misslungene Party war - eines ist sicher: wenn die Tür sich hinter dem letzten Gast geschlossen hat, stehen die Hausleute einer verwüsteten Wohnung und Bergen von schmutzigen Tellern gegenüber Es muss ein solcher Augenblick gewesen sein, in dem der alte Hiob (14,19) wehklagte: "Du wäschest hinweg die Dinge, die da kommen aus dem Staub der Erde, und Du vernichtest des Menschen Hoffnung." Die Bibel meldet nicht, was Frau Hiob darauf geantwortet hat.

Meine Frau und ich sind keine religiösen Eiferer, aber die Feiertage werden bei uns streng beachtet. Alle. An Feiertagen braucht man nichts zu arbeiten, und außerdem sorgen sie für Abwechslung in kulinarischer Hinsicht. Um nur ein Beispiel zu nennen: am Passahfeste ist es geboten, bestimmte Speisen zweimal in eine schmackhafte Fleischsauce zu tunken, ehe man sie verzehrt. An Wochentagen tunkt man in der Regel nicht einmal einmal.
Das Wunder, dass ich heuer, als es soweit war, an meine Frau die folgenden Worte richtete:
"Ich habe eine großartige Idee. Wir wollen im Sinne unserer historischen Überlieferungen einen Sederabend abhalten, zu dem wir unsere lieben Freunde Samson und Dwora einladen. Ist das nicht die schönste Art, den Feiertag zu begehen?"
"Wirklich?" replizierte die beste Ehefrau von allen.
"Noch schöner wäre es, von ihnen eingeladen zu werden. Ich denke gar nicht daran, eine opulente Mahlzeit anzurichten und nachher stundenlang alles wieder sauberzumachen. Geh zu Samson und Dwora und sag ihnen, dass wir sie gerne zum Seder eingeladen hätten, aber leider geht's diesmal nicht, weil... lass mich nachdenken... weil unser elektrischer Dampftopf geplatzt ist oder weil der Schalter, mit dem man die Hitze einstellt, abgebrochen ist und erst in zehn Tagen repariert werden kann, und deshalb müssen sie uns einladen..."
Ich beugte mich vor dieser unwiedersprechlichen Logik, ging zu Samson und Dwora und deutete an, wie schön es doch wäre, den Sederabend in familiärer Gemütlichkeit zu verbringen.
Laute Freudenrufe waren die Antwort.
"Herrlich!" jubelte Dwora. "Wunderbar! Nur schade, dass es diesmal bei uns nicht geht. Unser elektrischer Dampftopf geplatzt ist, das heißt, der Schalter, mit dem man die Hitze einstellt, abgebrochen ist und kann erst in zehn Tagen repariert werden. Du verstehst..."
Ich brachte vor Empörung kein Wort hervor.
"Wir werden also zum Seder zu euch kommen", schloss Dwora unbarmherzig ab. "Gut?"
"Nicht gut", erwiderte ich mühsam. "Es klingt vielleicht ein bisschen dumm, aber auch unser elektrischer Dampftopf ist hin. Eine wahre Schicksalsironie. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Aber was hilft's..." Samson und Dwora wechselten ein paar stumme Blicke.
"In der letzten Zeit", fuhr ich einigermaßen verlegen fort, "hört man immer wieder von geplatzten Dampftöpfen. Sie platzen im ganzen Land. Vielleicht ist mit dem Elektrizitätswerk etwas nicht in Ordnung."
Langes, ausführliches Schweigen entstand. Plötzlich stieß Dwora einen heiseren Schrei aus und schlug vor, unsere Freunde Botoni und Piroschka in die geplante Festlichkeit einzuschalten. Es wurde beschlossen, eine diplomatischer Zweier-Delegation (rein männlich) zu Botoni und Piroschka zu entsenden. Ich machte mich mit Samson unverzüglich auf den Weg.
"Hör zu, alter Junge", sagte ich gleich zur Begrüßung und klopfte Botoni jovial auf die Schulter. "Wie wär's mit einem gemeinsamen Sederabend? Großartige Idee, was?"
"Wir könnten einen elektrischen Kocher mitbringen, falls eurer zufällig geplatzt ist", fügte Samson vorsorglich hinzu. "In Ordnung? Abgemacht?"
"In Gottes Namen." Botonis Stimme hatte einen sauren Beiklang. "Dann kommt ihr eben zu uns. Auch meine Frau wird sich ganz bestimmt sehr freuen, euch zu sehen."
"Botoooni!" Eine schrille Weiberstimme schlug schmerzhaft an unser Trommelfell. Botoni stand auf, vermutete, dass seine Frau in der Küche etwas von ihm haben wolle, und entfernte sich. Wir warteten in düsterer Vorahnung. Als er zurückkam, hatten sich seine Gesichtszüge deutlich verhärtet.
"Auf welchen Tag fällt heuer eigentlich der Seder?" fragte er.
"Es ist der Vorabend des Passahfestes", erläuterte ich höflich. "Eine unserer schönsten historischen Überlieferungen."
"Was für ein Schwachkopf bin ich doch!" Botoni schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. "Jetzt habe ich vollkommen vergessen, dass an diesem Tag unsere Wohnung saubergemacht wird. Und neu gemalt. Wir müssen anderswo essen. Möglichst weit weg. Schon wegen des Geruchs."
Samson sah mich an. Ich sah Samson an. Man sollte gar nicht glauben, auf was für dumme, primitive Ausreden ein Mensch verfallen kann, um sich einer religiösen Verpflichtung zu entziehen. Was blieb uns da noch übrig, als Botoni in die Geschichte mit den geplatzten Kochern einzuweihen?
Botoni hörte gespannt zu. Nach einer kleinen Weile sagte er:
"Das ist aber eine rechte Gedankenlosigkeit von uns! Warum sollten wir so ein nettes Paar wie Midad und Schulamith von unserem Sederabend ausschließen?"
Wir umarmten einander herzlich, denn im Grunde waren wir Busenfreunde, alle drei. Dann gingen wir alle drei zu Midad und Schulamith, um ihnen unsern Plan für einen schönen gemeinsamen Sederabend zu unterbreiten. Midads und Schulamiths Augen leuchteten auf. Schulamith klatschte sogar vor Freude in die Hände: "Fein! Ihr seid alle zum Nachtmal bei uns!"
Wir glotzten. Alle? Wir alle? Zum Nachtmahl? Nur so? Da steckt etwas dahinter!
"Einen Augenblick", sagte ich mit gesammelter Stimme.
"Seid ihr sicher, dass ihr eure Wohnung meint?"
"Was für eine Frage!"
"Und euer Dampftopf funktioniert?"
"Einwandfrei!"
Ich war fassungslos. Und ich merkte, dass auch Samson und Botoni von Panik ergriffen wurden.
"Die Wände!" brach es aus Botoni hervor. "Was ist mit euren Wänden? Werden die gar nicht geweißt?"
"Lass die Dummheiten", sagte Midad freundlich und wohlgelaunt. "Ihr seid zum Sederabend bei uns, und gut."
Völlig verdattert und konfus verließen wir Midads Haus. Selbstverständlich werden wir zum Seder nicht hingehen. Irgend etwas ist da nicht in Ordnung, und so leicht kann man uns nicht hineinlegen. Keinen von uns. Wir bleiben zu Hause. So, wie sich's im Sinne unserer schönsten historischen Überlieferung gehört.