Brief eines Ehemannes an den Verehrer der Gattin

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Tübingen, den 3. Oktober 19..

Geehrter Herr!

Sie werden mir nicht vorwerfen können, dass ich ein altmodischer Mensch sei. Als Mann von Bildung scheint mir nun das Maß jedoch voll! Ich räume durchaus ein, dass Ihre Verehrung meiner Frau stets von den besten Absichten begleitet gewesen sein mag. Auch bewiesen mir Ihre gemeinsamen Kartengrüße aus Paris, Stockholm, Bangkok, Singapur, Travemünde, Wladiwostok, Santiago, St-Tropez, Taormina, Westerland und von anderen Geschäftsreisen, an denen Sie meine Frau freundlicherweise teilnehmen ließen, wie nahe ich Ihnen stand.
Um so unverständlicher erscheint es mir, dass Sie, ein gewandter Gesellschafter, es bisher nicht ein einziges Mal für nötig befunden haben, bei uns Besuch zu machen. Es ist kaum anzunehmen, dass sie sich seit Mai 1948 (!) nicht eine halbe Stunde hierfür hätten frei machen können. Ich bin nicht bereit, Ihren Formfehler länger zu entschuldigen und muss sie bitten, von weiteren Kartengrüßen abzusehen.

Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung

Otmar Lüdenscheidt