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Wenn ich mein erstes Lebensjahr nach
Liebesdingen abtaste, stoße ich auf nichts, was dienlich wäre. Vielleicht habe
ich einschlägige Erlebnisse aus Reue oder falscher Scham verdrängt. Aber da ich
fülligen Blondinen seinerzeit nur in ausschweifender Ernährungsabsicht
nachzustarren pflegte, ist anzunehmen, dass ein bis zwei der goldenen zwanziger
Jahre erotisch ungenutzt an mir vorüberstrichen. Vom männlichen Standpunkt
betrachtet, zeigte ich mich schon anlässlich meiner Taufe von einer
beklagenswert unergiebigen Seite. Damals beabsichtigte noch ein weiterer, mir
unbekannter weiblicher Säugling, sich am selben Tage taufen zu lassen.
Kirchlicherseits war man auf diesen Andrang offensichtlich weder räumlich noch
moralisch vorbereitet, denn wir wurden bis zum Beginn der Feierlichkeiten
abseits in einen gemeinsamen Wagen gebettet. Für Säuglinge von heute
unbegreiflich: Ich missachtete die Gunst der Stunde. Es ist immerhin möglich,
dass mich der mangelnde Liebreiz meiner Partnerin oder die Würde des Ortes schreckte.
Ich fürchte jedoch, mein damaliges Versagen beruhte auf reiner Prüderie. Der
Ballast überalteter abendländischer Erziehungskonventionen mag dabei eine Rolle
gespielt haben. Leider wurde mir im Arrangieren ähnlicher Situationen bis heute
kein kirchlicher Beistand mehr zuteil, womit der modernen Seelsorge natürlich
kein Vorwurf gemacht werden soll.
Vom Zeitpunkt meiner Taufe bis zu jenem Ereignis, das erste amouröse Züge
trägt, vergingen sieben Jahre. Ich befand mich, um den zermürbenden geistigen
und körperlichen Anforderungen des zweiten Schuljahres weiterhin gewachsen zu
bleiben, in einem Kinderheim an der Ostsee. Die Anwesenheit von mehreren
Mädchen im Alter zwischen fünf und acht Jahren verlieh der Atmosphäre des
Hauses etwas unerwartet Prickelndes. Durch gänzliches Fehlen leiblicher
Schwestern und täglichen Besuch einer ahnungslosen Knabenschule war mir das
weibliche Geschlecht im passenden Alter weithin unbekannt. Bei einem der
häufigen Aufenthalte am Strand hob sich mein Blick von unschuldiger Sandbäckerei
und blieb bei einer siebenjährigen Heiminsassin haften, die sich ihrer nassen
Badehose zwar sittsam unter dem Bademantel entledigte, letzteren zu schließen
aber verabsäumt hatte. In unbewegter Blöße musterte sie Horizont und
Wellenspiel. Ich war mir der ungeheuren Bedeutung des Augenblicks bewusst.
Denn, so schloss ich, um auch nur einmal im Leben ein Mädchen unbekleidet zu
sehen, bedarf es einer Zufallskette, deren Zustandekommen nach menschlichem
Ermessen mindestens zweifelhaft, wenn nicht unmöglich erscheinen muss. Die
Gewissheit, innerhalb der männlichen Welt nun zu einer sicher kleinen Gruppe
von Glückspilzen zu gehören, bewirkte ein kurzes, dumpfes Gefühl der Zuneigung.
Der Bademantel schloss bald wieder korrekt, die Erbsünde aber hatte ihr Haupt
erhoben.
Nach dieser noch sehr im Irdisch-Fleischlichen befangenen Erfahrung läuterte
ich mich der entscheidenden geistigen Phase meines erwachenden Liebeslebens
entgegen. Zu Beginn des dritten Grundschuljahres erschien mir nämlich im Traum
ein Huhn, weiß, mittelgroß und von ungewöhnlich sanfter Wesensart. Eigentlich
ging es nur schweigend auf und ab oder saß versonnen neben mir, aber ich
fühlte, ein Weiterleben ohne Huhn würde sinnentleert und freudlos sein. Mit
Anbruch des Tages verließ mich meine erste große Liebe, um düsterer
Verzweiflung Raum zu geben.
Nutzlos blieb jahrelange Hühnersuche. Es zeigte sich, dass keines der vielen
gebildeten, formschönen Hühner mit dem verlorenen zu vergleichen war.